Über die Notwendigkeit der Veränderung des Blickwinkels

Sie kennen auch die Fassungslosigkeit, wenn Ihr Gegenüber ganz sicher ist, Ihre Argumente bereits alle zu kennen? Sie deswegen gar nicht mehr ausreden lässt, da Ihm oder Ihr Ihre Beweggründe ja ohnehin schon klar sind? Die dadurch gewonnenen Überzeugung, durch Ihr falsches Denken seien Sie offensichtlich alleine Schuld an der vorliegenden Eskalation?

Die Anliegen Anderer zu beleuchten ist Bestandteil jeder Mediation. Wie sehr solche Standpunkte in der Betrachtung einer Sache abweichen können, beschäftigt mich hier ganz persönlich.

Der Absturz des deutschen Verkehrsflugzeuges in den französischen Alpen hat eine öffentlich geführte Diskussion verschiedener Überlegungen zur Verbesserung der Flugsicherheit angestoßen. Reflexartig werden dabei mehr Kontrollen und Sicherheitseinrichtungen gefordert, um damit vermeintlich die Sicherheit der Passagiere zu erhöhen. Wenn sich jedoch die derzeitige Theorie zu dem Flugzeugabsturz als richtig erweist, dann hat nun exakt die Verschärfung einer Sicherheitsbestimmung nach 9/11 dazu geführt, dass das vermutete Vorhaben des Copiloten nicht mehr zu verhindern war – eine Flugzeugentführung durch einen der beauftragten Flugzeugführer.

Die neuen Vorschläge, wie dies zukünftig zu verhindern wäre, basieren auf der paranoiden Vorstellung, Misstrauen selbst innerhalb der Cockpitcrew würde einen Gewinn an Sicherheit bringen. Auf sehr ähnlichem Niveau sind die Vorschläge zu Psychotests für Piloten, die der Überwachung in einem totalitären System orwellscher Phantasie schon bedrückend nahe kommen. In dieselbe Scharte schlägt der Generalverdacht, die Menschen mit depressiven Erkrankungen seien durch erweiterte Selbsttötung latente Gefährder der öffentlichen Sicherheit.

Die unangenehmste aller Fragen offenbart sich genau an dieser Stelle – verdeckt durch den bereits ausgemachten vermeintlich allein Schuldigen – in der Frage der Mitverantwortung der Gesellschaft an dieser Katastrophe. In einem Land wie unserem, in dem Menschen mit psychischen Problemen oft monatelang oder gar vergeblich auf einen Therapieplatz warten, sind die Folgen plötzlich nicht mehr nur privater Natur. Wollen wir denn wirklich glauben, ein Klima des Misstrauens führe dazu, dass sich Angehörige irgendeiner Berufsgruppe als psychisch labil offenbaren?

Verabschieden wir uns von dem Gedanken, dass wir die Probleme unserer Gesellschaft mit der richtigen Technologie und noch mehr Kontrolle lösen können – denn wo ziehen wir die Grenze? Bei dem Piloten oder dem Lokführer, dem eine Waffe tragenden Polizisten oder bei dem Mitarbeiter eines Wasserwerks, der mit einem Handgriff Tausende vergiften könnte?

Die Gesellschaft wird durch den Glauben in die Wirksamkeit von massenhafter Überwachung unmenschlicher, das Ergebnis dessen enttäuscht also zwingend. Spätestens seit den Veröffentlichungen von Edward Snowden ist klar, so sind Attentate nicht auszuschließen.

 

Inspiriert durch eine Kolumne von Sascha Lobo in SPIEGEL-Online vom 01.04.2015

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