Eine Meinung zur Gegenwart

Eine polemische Geschichte mit meiner ganz persönlichen Meinung zur Gegenwart(*)

In der Lehre vom neoliberalen Kapitalismus gilt es als Gesetz, dass die Kräfte des freien Marktes für Transparenz sorgen und gegen Betrug. Denn jeder Betrug wird nach dieser Theorie früher oder später als solcher entlarvt werden.

(*) Gegenwart: Jener Teil der Ewigkeit, der die Domäne der Enttäuschung vom Reich der Hoffnung trennt.

(Ambrose Bierce)

 

In der Lehre vom neoliberalen Kapitalismus gilt es als Gesetz, dass die Kräfte des freien Marktes für Transparenz sorgen und gegen Betrug. Denn jeder Betrug wird nach dieser Theorie früher oder später als solcher entlarvt werden. Vereinfacht gesagt bedeutet das für Jeden von uns: Wenn ich in der heutigen Zeit eine Entscheidung treffen will, dann muss ich nicht mehr zum Experten für die Grundlagen werden, es ist hinreichend, wenn ich mir Informationen aus zuverlässigen Quellen beschaffe. Es genügt ergo, den entsprechenden Experten zu vertrauen, Google beispielsweise. Ein ‚Hoch!’ auf den freien Markt, der sich selbst reguliert.

Der erkennbare Konflikt beginnt nun an der Stelle, an der die Existenz der meisten Experten einer nicht unwesentlichen Herrschaft unterworfen ist: Der Mutter aller Kennzahlen, dem Quartalsgewinn. Natürlich ahnen wir, dass vielleicht nicht alle dieser Experten jegliche Erkenntnisse, die sie in Lohn und Brot ihrer Arbeitsgeber gesammelt haben, unbedingt sofort veröffentlichen. Zumal dann, wenn diese Erkenntnisse im Widerspruch zu eben jener Kennzahl stehen, sprich: Es würde den Gewinn schmälern, wenn man die gewonnenen Erkenntnisse adäquat berücksichtigen würde. Und vielleicht das andere vermeintliche Experten gar keine sind und warum auch immer nur so tun. Aber das ist eine andere Sache.

Doch wie sollen wir uns dann jetzt alle verhalten in unserer bezifferten Welt, in der doch jedes und alles einer Bestenliste unterworfen ist oder zumindest in eine Tabelle eingeordnet wird? Profit ist nicht nur zum wichtigsten Ziel von Unternehmen geworden, sondern zum einzigen. Möglicherweise ist auch das alternativlos, da es ja kaum eine andere Möglichkeit gibt, den Erfolg eines Unternehmens zu messen. Bleibt zu sagen, laut der Eingangs erwähnten Theorie wird genau dieser Erfolg zu einer Bündelung der Kräfte führen, weil dadurch die Unternehmen effizienter werden, und davon werden am Ende des Tages wir Alle profitieren. Schöne Neue Welt.

Die traditionell in Ländern der alten Welt wie Deutschland vorherrschende alternative Vorstellung, dass es darüber hinaus noch etwas wie soziales und ökologisches Handeln geben sollte, wird zunehmend vom neoliberalen Modell verdrängt. Beängstigend ist an dieser Stelle, dass mittlerweile viele Bereiche auf reine Gewinnorientierung getrimmt werden, die dafür eigentlich so gar nicht geeignet scheinen, man denke nur an soziale Dienste. Der Nutzen dessen ist leider nicht zu leugnen, wenn auch hier ein Blick auf Ressourcen und Effizienz geworfen wird. Dann lässt sich das eine oder andere Ziel vielleicht mit geringeren Mitteln oder schneller erreichen. Die Gretchenfrage lautet jedoch: Was genau ist denn Verschwendung und was für Schäden richten wir parallel zur vermeintlichen Optimierung an?

An dieser Stelle bekommt das ganze eine politische Dimension, es verwundert in diesem Zusammenhang vermutlich Niemanden, wenn wie auch immer geartete Zielvorgaben Mitarbeiter motivieren, Zahlen zu schönen oder gar zu frisieren. Wenn dies dann heraus kommt, dann geht es mit Vertrauensverlust einher. Aber der ist ja nun nichts, was mit einer gut gemachten Imagekampagne oder dem Versprechen von sagen wir mal Kulturwandel nicht zu reparieren wäre, oder? Ok, da war mal was mit Wahlfälschung in einem Deutschen Staat, da hat dies danach nicht mehr so gut geklappt. Gut, mögen Sie sagen, es war ja auch ein eher suboptimal geführtes ‚Unternehmen’. Erstaunlich, damals hat auch ein von oberster Führung geäußertes anrührendes Bekenntnis wie „aber ich liebe Euch doch Alle“ nicht mehr geholfen, Vertrauen zurück zu gewinnen. Andererseits hat sich dieses Beispiel ja selbst erledigt und ist in dieser Form doch wohl eher ein Einzelfall gewesen.

Wirklich?

Ist es denn möglicherweise so, dass die jeweiligen Entscheidungsträger, ob Politiker oder Manager, ein erotisches Verhältnis mit einer Geliebten Namens Risiko haben? Das die Frage nach Ehrlichkeit nur eine Frage pragmatischen Abwägens von Kosten und Nutzen darstellt? Das Moral und Skrupel eher ein Hindernis auf dem Weg zum Olymp sind? Der Preis davon ist der Vertrauensverlust. Der Vertrauensverlust, den die Banken beklagen. Der Vertrauensverlust, der die Politiker bei dem lästigen Versuch irritiert, sich mit wütenden Bürgern auseinanderzusetzen. Oder dem Vertrauensverlust, mit dem sich Volkswagen auseinanderzusetzen haben wird. Demnach also bräuchte man nur alle Herausragenden und ihre Büttel (vulgo: Lügenpresse) in Sippenhaft zu nehmen? Recht so, mag mancher denken, nicht doch, sage ich.

Einzelne haben unser Vertrauen verspielt, Glaubwürdigkeit, Qualität und Nachhaltigkeit wurden zu Bilanzposten, die dem monetären oder dem politischen Gewinnstreben gegenüber standen. In dieser Tragödie ist rasch zu übersehen, dass die weitaus größte Zahl der Menschen, die in Firmen oder in der Verwaltung arbeiten, ihren Job ordentlich und zuverlässig ausführen und somit glaubwürdig sind. Zuzüglich der Zahl der Mitläufer, die besseres Wissen zwar für sich behielten um ihren Job nicht zu verlieren, aber mit diesem Wissen wenigstens moralische Probleme hatten.

Tatsächlich können wir im Alltag also weiter davon ausgehen, dass uns unsere Mitmenschen und die Firmen, bei denen sie arbeiten, überwiegend nicht belügen. Der Kapitalismus macht uns zu misstrauischen Kunden und Bürgern, doch sollten wir schon aus reinem Eigennutz nicht generell misstrauisch unseren Mitmenschen gegenüber werden, denn dies würde unser Leben zusätzlich erheblich erschweren. Möglicherweise ist ja das ominöse Bauchgefühl zusammen mit Interesse und Einfühlungsvermögen im Umgang mit Menschen manchmal hilfreicher als die eine oder andere Kennzahl. Selbst wenn diese so aussagekräftig sein sollte wie beispielsweise die Zahl der Freunde in einem sozialen Netzwerk.

 

 

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