Entlarvend für Populisten ist die Coronakrise, zeigt sie doch schonungslos die Hohlheit Ihrer Worthülsen: Nichts als gefährliche Scharfmacher, die sich nicht um die Wahrheit scheren – und genau deshalb folgenschwere Fehler machen. Jene Politiker also, die in Ihrer „wir sind das Volk“ Attitüde von sich selbst ergriffen die Welt wissen lassen, dass nur sie das Rezept für die Genesung der Welt besitzen.

Das Problem mit der Wahrheit

Wenn es um Problemlösungen geht, ist die Wahrheit klar im Vorteil:

Sie funktioniert erwiesenermaßen.

Wer eine Brücke auf Basis unwahrer Fakten konstruiert wird diese mit ziemlicher Sicherheit später einstürzen sehen. Die Fakten, also die Wahrheit, erweist sich somit im wahren Leben wie in der Politik als enorm nützlich. 

Das Gegenteil von Wahrheit ist „Bullshit“, wie es der Philosoph Harry Frankfurt genannt hat. Bullshit in diesem Sinne bedeutet, die Wahrheit zu missachten. Das unterscheidet den Bullshitter vom Lügner: Der Lügner hat immerhin soviel Respekt vor der Wahrheit, dass er bewusst die Unwahrheit sagt, sagt Frankfurt. Dem Bullshitter hingegen ist sie schlichtweg egal: Er behauptet einfach etwas, dass im Moment nützlich scheint. 

Bedauerlicherweise ist die Unwahrheit dabei argumentativ im Vorteil, denn sie ist oft simpel gestrickt. Im täglichen Wettbewerb der Nachrichten um die kurze Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer siegt sie bei ihren Anhängern regelmäßig, gerade dann, wenn es um komplexe Themen geht, die nur mühsam zu durchdringen sind. Hier haben die Bullshitter also quasi einen Wettbewerbsvorteil, Ihre Geschichten sind leicht zu verstehen, gelegentlich sogar unterhaltsam und appellieren an niedere Instinkte.

Solange populistische Bullshitter in der Opposition sind, fällt ihre inhaltliche Leere womöglich nicht sonderlich auf. Selbst an der Regierung mögen sie sich in relativ ruhigen Zeiten eine Zeit lang durchlavieren können. 

Bullshitter-in-Chief

Ob der Bullshitter-in-Chief Donald Trump in den USA oder der Baby Trump und Brexit-Premier Boris Johnson in Großbritannien, der Regenwaldschänder Jair Bolsonaro in Brasilien oder der Möchtegern-Duce Matteo Salvini in Italien – sie alle erleben im Moment eines: Der Virus ‚befällt‘ den Populismus und entlarvt seine Lautsprecher. Die Destruktivität Ihres Handelns, die Konzeptlosigkeit und Inkompetenz tritt für jeden sichtbar offen zu Tage.

Wie selbst entlarvend ein Bullshitter an der Regierung sein kann, führt US-Präsident Donald Trump dann sogleich eindrucksvoll vor. Er redet das „ausländische“ Virus klein und verkündete im Fernsehen, er habe „so eine Ahnung“, dass die Mortalitätsraten doch nicht so hoch seien wie von den Fachleuten angenommen. Wer glaubt schon Experten mehr als dem selbsternannten „stable Genius“, wie Trump sich selbst nennt. Kurz darauf rief er dann doch den nationalen Notstand aus und verkündete ein Einreiseverbot für Europäer – aus alter Verbundenheit für die Kumpels aus Großbritannien und Irland. 

In Großbritannien wirkt derweil jener Kumpel Boris Johnson ebenso stark überfordert von der Realität. Das Rezept, dass Ihm gegen das Virus vorschwebt, sieht eine rasche Durchseuchung der Bevölkerung zum Erlangen einer Herdenimmunität vor. Ob dies vor dem Hintergrund des als chronisch überlastet bekannten Britischen Gesundheitssystems eine gute Idee ist wird von Experten mehr als bestritten.

Jeder Versuch, die Pandemie klein zu reden, wird so binnen Tagen als Geschwätz entlarvt. Die dunkle Seite des Populismus an der Macht zeigt sich in der Ablehnung und Verweigerung jeglicher Verantwortung.

Whatever it takes

Die Schwere dieser Krise ist genau deshalb so entlarvend für Politiker, die sich allein auf kommunikativen Bullshit stützen, sich nicht um die Wahrheit scheren und genau deshalb folgenschwere Fehler machen. Das gilt natürlich auch für andere Politikfelder – von der Klima- über die Finanz- bis zur Migrationspolitik. Aber im Gegensatz dazu werden in der Corona-Krise, deren Folgen rasch und für die Bürger unmittelbar spürbar auftreten, politische Fehler sofort offensichtlich.

Vermeintlich langweilige Bürokraten hingegen zeigen, was sie können. „Whatever it takes“ – was auch immer nötig ist, um den Laden zusammenzuhalten: Für diesen Satz aus Zeiten der Finanzkrise wurde der frühere Chef der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, einst scharf kritisiert. Heute gilt wieder: Es ist die richtige Strategie gegen die Unsicherheit.

Generell gilt: Die zentrale Kernaufgabe des Staates besteht in der Daseinsvorsorge. Deshalb braucht es in der Politik Profis, die genau das können. Wer sich um Fakten nicht schert, wird in ernsten Zeiten scheitern – und zwar für die Bürger offensichtlich.