Das allgegenwärtige Thema Grexit hat mich kürzlich mit einer Gruppe Freunde bei einem Urlaub in Griechenland beschäftigt. Wohnend in einem Bergdorf zwischen Einheimischen fragten wir uns: Was ist statistisch gesehen dran an der Mär vom faulen Griechen?

In meiner Wahrnehmung sind die Griechen tatsächlich nicht solidarisch eingestellt. Sprich dafür zu zahlen, dass die Wasserwerke Wasser liefern oder die Kommune die Straße in Stand hält, leuchtet Vielen nicht ein. Der Grieche, der auf der Straße vor seinem Laden Müll aufhob und in eine nahe stehende Tonne brachte, erschien mir schon fast ungewöhnlich. Seltsam, wo der Umgang der Griechen miteinander, in den Kneipen und mit den Alten und Kindern doch von einer spürbar warmen sozialen Grundhaltung geprägt ist?

 

Die griechischen Regierungen der vergangenen Jahrzehnte haben einen Staat geschaffen, der durch persönliche Raffgier und durch ungenierte Klientelpolitik geprägt war und ist. Da dies mit einer notorischen Unzuverlässigkeit öffentlicher Dienstleistungen einher geht wirft es die Bürger zurück in das einzige wirklich verlässliche Solidarsystem: Die Familie. Sie haben das Land in eine Krise geführt, unter der große Teile der Bevölkerung seit Jahren leicht sichtbar fürchterlich leiden. Vorschriften werden als interpretierbar betrachtet, Verstöße dagegen sind eher Kavaliersdelikte. Nun könnte Alles noch viel schlimmer kommen.

 

Griechenland kennt keine Sozialhilfe, kein soziales Sicherungssystem wie Hartz IV. Es gibt keine Absicherung des Existenzminimums. Arbeitslosengeld gibt es für ein Jahr, mehr als 90% der Arbeitslosen bekommen derzeit keinen Cent. Also leben ganze Familien von der ohnehin schon gekürzten Rente der Alten – stellen Sie sich mal vor, der Staat würde unseren Rentnern die Rente mal um rund 30% kürzen? Diese Kürzungen betreffen dort also sehr häufig nicht nur die Alten, sondern eben auch deren Kinder und Enkel. Und rund die Hälfte der griechischen Rentner bekommen derzeit weniger als 665 Euro und fallen damit unter die die Armuts-Definition der Europäischen Union. Alles ganz offizielle Zahlen, mit einiger Recherche auffindbar.

 

In deutschen Medien – so auch in der FAZ – war kürzlich zu lesen, die Griechen gingen im Schnitt mit 56 Jahren in Rente. Noch schlimmer: Der CDU-Abgeordnete Wolfgang Bosbach sprach bei „Günther Jauch“ vor fünf Millionen Zuschauern: „Der griechische Ministerpräsident hat jetzt angeboten, das reale Renteneintrittsalter in Griechenland, das bei uns bei fast 64 Jahren liegt, auf 56 Jahre anzuheben.“ 

Wahrheit oder Stimmungsmache der Medien?

Seltsam, denn laut der OECD lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter 2011 in Griechenland bei 61,4 Jahren. Das ist exakt dieselbe Zahl, die die deutsche Rentenversicherung meldet. Auch der Anteil der Pensionäre und Rentner an der Gesamtbevölkerung liegt mit 24,3 % niedriger als in Deutschland, wo diese Zahl bei 26 % liegt. In Deutschland leben derzeit zusätzlich 0,9 % der über 55-jährigen von Hartz IV, dies sind 740.000 Menschen. Diese Menschen müssen in Griechenland eben auch Rente beantragen. Für viele Langzeitarbeitslose ist es schlicht die einzige Möglichkeit, mit dauerhaft großen Abschlägen von der Rentenhöhe überhaupt Einnahmen zu erzielen.

So betrachtet wird die Weigerung der griechischen Regierung, die Möglichkeiten zur Frühverrentung noch stärker zu beschneiden, ebenfalls verständlich.

 

Tut man der derzeitigen Regierung in Griechenland dann wirklich unrecht, wenn sie eine weitere Kürzung der Renten ausschließt? Nun, es gibt eine Fülle von Dingen, die man dieser und den Vorgängerregierungen vorwerfen kann, dazu gehört sicher auch das marode Rentensystem. Diese ist wie so vieles in Griechenland von Grund auf verrottet, offiziell ist es derzeit das achtschlechteste der Welt. Die Regierungen haben die Aufforderungen der Geldgeber ignoriert, ein funktionierendes Sozialhilfesystem zu installieren. Möglicherweise um den Wähler über soziale Wohltaten wie Subventionierungen weiterhin von der Gunst der Regierenden abhängig zu machen?

 

Unter dem Gesichtspunkt von Nachhaltigkeit habe ich keine ökonomischen Daten finden können, die zuversichtlich stimmen könnten.

Liegt es also doch an den faulen Griechen?

Einer Sache bin ich mir nach meinen Recherchen ziemlich sicher: Wenn weitere Kürzungen beim griechischen Rentensystem durchgesetzt werden, steuert das Land tatsächlich in eine soziale und humanitäre Katastrophe.

 

Quellen: the guardian, Der Spiegel, Wirtschaftswoche, Deutschlandfunk, Tagesspiegel, OECD, Eurostat