Deutschland ein Spenderland.

Und ein Märchenland?

Pünktlich zum Jahresende waren sie allgegenwärtig, die anrührenden Bilder der Hilfswerke. Diese großen Augen von Kindern mit viel zu dünnen Körpern, denen nur Hartherzige widerstehen. Ich fühlte mich moralisch erpresst, ob per Fernsehwerbung, Post oder als Werbung in Printmedien. HELFEN SIE, lautete die Botschaft. Und diese Botschaft fiel offensichtlich auf fruchtbaren Boden: Laut dem Deutschen Spenderrat haben private Spender 2014 alleine in Deutschland rund 5 Milliarden Euro gespendet und damit nochmals 5,4% mehr als im Jahr davor. UPDATE 14-04-16: Das „Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen“ beziffert die Höhe der Spenden für gemeinnützige Zwecke in 2015 mit der Rekordsumme von 6,73 Milliarden Euro.

Die folgenden Gedanken sind keine Aufforderung zu weniger Mitmenschlichkeit. Sie wenden sich nicht gegen eine einzelne Organisation oder deren Mitarbeiter(innen). Mir ist zutiefst bewusst, viele Menschen leisten dort täglich höchst sinnvolle Arbeit, denen gehören mein voller Respekt und meine ausgesprochene Wertschätzung. Ich frage mich jedoch, ob jede Organisation und jeder Werbebrief wirklich dazu dient, unsere Spende möglichst vollständig dort ankommen zu lassen, wo es von uns beabsichtigt ist. Für mich ein Anlass, das große Geschäft mit dem Mitleid anhand von Thesen zu hinterfragen.

Die Organisationen sind auf sofortige Spenden angewiesen, um bei Katastrophen helfen zu können

Nein, das sind sie in der Regel nicht. Wenn die Kontonummer im Fernsehen eingeblendet wird und wir denken „jetzt muss ich helfen“, dann sind die Hilfstransporte bereits unterwegs. Die zur Hauptsendezeit werbenden Hilfswerke kalkulieren mit unserem Gefühl, dass nun schnelle und unbürokratische Hilfe notwendig ist. Darüber hinaus entscheidet leider nicht die Relevanz einer Katastrophe über ihre Präsenz in den Medien, sondern die eher zufällige Entwicklungen an der Nachrichtenfront.

Die Organisationen stehen immer im persönlichen Kontakt mit dem Spender

Leider nicht. In Spendenaufrufen werden wir zwar persönlich angesprochen, dabei handelt es sich jedoch oft um das Produkt von Spezialsoftware für das Fundraising (Einwerben von Spenden). Über 100 Anbieter für deutschsprachige Software zur Fördererbetreuung zählte das Fundraiser-Magazin 2015 in einer Extraausgabe.

Auch die Gestaltung der Anschreiben spielt eine große Rolle: Achten Sie mal darauf, in aller Regel wird die Unterschrift in blau gedruckt. Weil uns dies mehr berührt, wie dem auch fast immer ein PS folgt. Studien zeigen, dass das PS der erste vollständig gelesene Text eines Anschreibens ist. Der Text ist dabei so einfach formuliert, dass er von einem Zwölfjährigen verstanden werden kann.

Spender handeln immer aus altruistischen Motiven

Davon können wir auch nicht ausgehen. Wohl haben Spenden eine solche Wirkung, aber der Antrieb des Spenders kann ein anderer sein, etwa die Minderung des zu versteuernden Einkommens, den Abbau von Schuldgefühlen oder die eigene Aufwertung. Die Organisationen jedenfalls arbeiten gezielt daran, einen potentiellen Spender mit interessanten Gegenwerten zu einer positiven Entscheidung zu bringen, oder sie suggerieren die Notwendigkeit der Einhaltung sozialer Normen.

Wer nicht spendet, ist mitschuldig am Elend

Diese Annahme ist falsch. Es steht der Verdacht im Raum, dies könnte den Verursachern ungerechter Verhältnisse als Alibi dienen: Der permanente Spendenfluss ermöglicht es Regierungen und Konzernen, die bisherigen Fehlentwicklungen weiterhin zu ignorieren.

Nicht spenden bedeutet nicht zwangsweise Gleichgültigkeit, es gibt andere Ansätze wie z.B. die Förderung fairer Handelsbedingungen.

Spenden bedeutet eben leider nicht zwangsläufig die Hinwendung an die Ziele, unreflektiertes Spenden kann auch Teil des Problems sein.

Fundraising hat nur karitativen Nutzen

Schön wär’s. Viele Menschen arbeiten am ertragreichen Einwerben von Spenden. Der betriebene Aufwand ist hoch, bei Werbebriefen z.B. gilt eine Rückantwortquote von 1% bereits als zufrieden stellend, wie in Lehrbüchern über Fundraising nachzulesen ist. Darüber hinaus trägt die Frequenz dieser sogenannten Aussendungen dazu bei, dass die Spender sich genervt abwenden. Was dazu führt, dass die Bittenden noch aggressiver einwerben müssen, um in der Flut der Bettelbriefe überhaupt aufzufallen. Ein klassischer Teufelskreis, nicht mehr werben jedoch kann sich keine Organisation leisten bei einem insgesamt begrenzten Spendenaufkommen.

Fund Raiser sind sozial motiviert

Keineswegs immer. Mittlerweile fließen große Teile der Spenden in die Werbeinfrastruktur – bis hin zu Organisationen, die die Gütesiegel für Spendenorganisationen ausstellen. Um diese Umwidmung von Mitteln zu rechtfertigen, wird die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns voran gestellt.

Machen wir uns zunächst bewusst, das Einwerben von Spenden schafft keine Werte an sich. Das Wachstum der Branche erzeugt einen höheren Kostendruck, der zu immer weiterer Professionalisierung im Einwerben von Spenden führt. Dieses Wachstum dient auch den Ausbildern von „Fundraising-Managern“ zum Aufbau ihrer gewinnorientierten Akademien. Diese bemühen sich sodann, ihre Ausbildungen als notwendigen Standard für das Berufsbild zu etablieren. Was im Umkehrschluss zwangsweise zur Folge hat, dass große Teile der Einnahmen durch diese Professionalisierung nicht etwa in die Projekte fließen, sondern an die Fund Raiser selbst. Finanziert von den Spendern.

Die Organisationen respektieren andere Kulturen

Ein frommer Wunsch. Fakt ist, wenn man ein einzelnes Kind in einem armen Land fördert, dann beraubt man es zwangsweise zu mindestens in Teilen seiner kulturellen Identität, reißt es aus dem sozialen Kontext und erzeugt unter Umständen sogar den Neid der Umgebung. Der Spender hat vielfach Ansprüche an den Empfänger seiner Spende, er erwartet den klugen Nutzen der milden Gabe. Wenn da nicht die anderen Sitten und Gebräuche in dem fernen Land wären, der Empfänger wird anders denken, anders leben und arbeiten, er wird seine Freizeit anders zubringen – kurz, er wird sich nicht so verhalten, wie wir es von ihm erwarten, wie wir es vielleicht in so einer Situation täten.

Und da ist sie schon, die Bevormundung, der Export unserer eigenen Werte, weil dies doch das Mindeste ist, was wir für unsere Gabe erwarten dürfen. Zur Intoleranz gegenüber anderen Kulturen ist es dann nicht mehr weit.

Nur private Spenden helfen gegen das Elend

Zu kurz gedacht. Wenn humanitäre Aufgaben von privater Hand finanziert werden, legitimiert das die staatlichen Stellen zum Nichtstun. Das permanente Alimentieren, der andauernde Geldfluss ohne Gegenleistung von außen in Wirtschaftsräume bringt sogar ganze Volkswirtschaften und Währungsräume zum straucheln, wie sich am Beispiel von Entwicklungshilfe aufzeigen lies (*).

Gleichzeitig hat das Ziel unserer Spenden auch immer mit unserem Blickwinkel zu tun, an vielen Ecken der Welt werden ebenso Bedürftige dabei einfach übersehen.

Spenden haben für uns einen lähmenden Effekt, wir nehmen die Bedürftigkeit quasi billigend in Kauf, statt die Ursachen dafür zu anzugehen. Wobei diese Bedürftigkeit dann das täglich wiederkehrende Argument für das Einfordern weiterer Spenden darstellt.

Könnte es sein, dass die Ausbeutung der Menschen in armen Ländern perfektioniert wird, während man uns die Notwendigkeit einredet, mit unseren Spenden die Welt zu verbessern? Statt z.B. Näherinnen ein faires Entgelt für ihre Arbeit zu zahlen, werden Menschen weltweit mit Almosen in permanenter Abhängigkeit gehalten.

Die Empfänger unserer Spende werden nicht ausgebeutet

Werden Sie leider doch, wie man an den bedrückenden Bildern trauriger, großer Kinderaugen sehen kann. Die Botschaft lautet: Durch Ihre Spende wird aus diesem traurigen Kind ein glückliches. Dabei macht die Instrumentalisierung der Kinder diese zu Anschauungsmaterial für die Werbebotschaft und beutet somit ihr Elend sogar noch aus. Mit der vordergründigen Absicht, die Spendeneinnahmen zu steigern.

(*) vgl. Dambisa Moyo, Dead Aid, Verlag Haffmans & Tolkemitt 2011

 

 

 

 

 

 

 

 

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